Das innere Kind umarmen – Mit der Hilfe des Buddhismus die Seele heilen

Innere Reife schafft Stabilität

Buddhismus ist ein Weg, den du nur beschreiten kannst, wenn du bereit zur persönlichen Reife bist. Reifung bedeutet, die Dinge wahrzunehmen wie sie sind. Das kannst du aber nur, wenn du lernst, dich selbst nicht so wichtig zu nehmen und störende Emotionen in den Griff zu bekommen.

Befindest du dich erst einmal auf diesem buddhistischen Weg der Selbsterkenntnis, so wirst du schnell merken, dass du mehr und mehr an Stabilität und Authentizität gewinnst. Jemand, der sich selbst realistisch betrachten kann, hat viele Möglichkeiten zur Selbstregulierung und weiß um die eigenen Schwächen, die möglicherweise selbst gesteckten Zielen im Weg stehen.

Willst du also etwas zum Positiven verändern, dann solltest du dich achtsam und ohne Eitelkeit betrachten lernen. Nur auf dieser Basis ist eine echte Veränderung für dich möglich!

Was ist das innere Kind und warum ist es so wichtig für dich?

Die früheste Erfahrung, die ein Mensch macht, wird als „Urvertrauen“ bezeichnet. Säuglinge und kleine Kinder sind ohne ihre Eltern nicht überlebensfähig. Sie vertrauen sich blind und instinktiv ihren Eltern an, die ihnen alles geben, was sie zum Überleben brauchen: Nahrung, Wasser, Zuneigung, körperliche Nähe und Anleitung.

Dieses Vertrauen erschafft ein Gefühl der Sicherheit. Es ist die Grundlage der Liebe zwischen Eltern und Kind und später auch das Vorbild der Liebe zum Lebenspartner. Kinder wissen noch nicht viel über ihre eigene Identität. Sie erleben sich selbst dadurch, dass sie von ihren Eltern gespiegelt und beurteilt werden.

Wird dieses Urvertrauen zwischen Eltern und Kind aber in irgendeiner Form missbraucht oder gestört, werden mitunter tiefe seelische Wunden geschlagen. Diese Kinder leiden vielleicht ihr Leben lang an einer tief sitzenden Unsicherheit und am Mangel an Liebe und Zuneigung, der durch eine solche Störung hervorgerufen wurde.

Wie dich dein inneres Kind am Erwachsenwerden hindert

Wenn beispielsweise eine Mutter zu ihrer Tochter sagt: „Ich habe dich nie gewollt! Du bist für mich eine einzige Belastung!“, dann wird sich die Tochter als nicht liebenswert empfinden. Diese Überzeugung ist eine Erfahrung, die die grundlegende Selbstwahrnehmung des Kindes beeinflusst.

Später als Erwachsene wird die Tochter möglicherweise zwanghaft versuchen, von anderen Menschen die Anerkennung zu bekommen, die ihr von ihrer Mutter vorenthalten wurde. Sie wird sich gegenüber Freunden übertrieben anhänglich zeigen, es allen immer recht machen wollen oder unterwürfig agieren, um geliebt zu werden. Vielleicht wird sie immer weniger erreichen als sie könnte, weil sie sich nichts zutraut und überzeugt davon ist, sie habe anderen Menschen nichts zu bieten.

Das innere Kind in der Erwachsenen schreit also nach Liebe und Anerkennung, weil dieses grundlegende Bedürfnis von der Mutter nicht erfüllt wurde.

Der Weg des Dharma tröstet und beruhigt

Hast du auch ein solches Kind in dir, dass nach Liebe, Nähe und Zuneigung schreit? Sei nicht gewalttätig und ungeduldig gegenüber diesem Kind. Schließ es nicht weg und schieb es nicht von dir. Du kannst es nicht unterdrücken. Es wird immer drängender agieren und sich in Gefühlsausbrüchen, Depressionen, Wutanfällen oder sozialen Problemen äußern. Versöhne dich mit diesem Kind und schenke ihm deine Aufmerksamkeit. Das ist der einzige Weg zur Heilung.

Die buddhistischen Lehren, das „Dharma“, bieten an dieser Stelle mehrere Mittel an, um solche seelischen Probleme zu überwinden.

Betrachte dich achtsam.

Im Zen führt der erste, zentrale Schritt über die Achtsamkeit. Beobachte dich selbst und die Reaktionen deines Körpers. Beginne zu spüren, wann und auf welche Weise negative Gefühle in dir aufsteigen. Wenn du bemerkst, dass sie kommen, dann kehre ins Hier und jetzt zurück und konzentriere dich auf deinen Atem. Unterbrich die Gedanken und widme deine Aufmerksamkeit dem rhythmischen Heben und Senken deiner Bauchdecke. Wenn es dir hilft, sag laut „Stop!“ zu dir selbst. Zähle die Atemzüge. Wenn deine Gedanken abzuschweifen drohen, lenke sie wieder sanft zum Objekt deiner Konzentration zurück. Nach einiger Zeit wirst du spüren, dass es dir besser geht.

Emotionen sind stark. Sie können dein ganzes Leben ins Wanken bringen und doch sind es nur Emotionen. Sie gehen wieder vorbei. Gib dir diese Zeit. Das schreiende Kind muss sich erst beruhigen lernen. Umarme es mit deiner Achtsamkeit.

Woher kommt dein Schmerz? Habe den Mut, dich mit belastenden Erlebnissen auseinanderzusetzen.

Das Nachdenken und Meditieren in einem ruhigen Moment hilft dir, herauszufinden, warum du dich manchmal so schlecht fühlst. Versuche zu verstehen, woher dein innerer Schmerz kommt und erkenne die Muster, die dich immer wieder Dinge sagen oder Handlungen ausführen lassen, die schlecht für dich sind.

Übe dich darin, den Menschen, die dich verletzt haben, innerlich zu verzeihen. Trainiere durch das Meditieren, deinen Geist zu beruhigen und die Leid verursachenden Emotionen wie Wut, Hass, Traurigkeit oder Angst abzuschwächen.

Lenke dich nicht andauernd ab mit Fernsehen, Handy spielen oder anderen Ersatzhandlungen wie Kauf- oder Vergnügungssucht. Wenn du für zuhause keinen Raum zum Nachdenken hast, verbringe ein Wochenende in einem Zen-Kloster oder besuche ein Meditationsseminar. Konfrontiere dich ganz bewusst mit deinem inneren Kind und erkenne dich selbst. Jetzt ist die Zeit, dich mutig dem vergangenen Schmerz zu stellen, damit er dich nicht immer weiter quält! Hilf deiner Seele, diesen Schmerz und die vergangene Ungerechtigkeit zu verarbeiten. Nur das Verstehen kann eine Heilung bringen.

Lerne aus Fehlern.

Lerne dich selbst mit etwas mehr Verständnis zu sehen. Raufe dir nicht die Haare, wenn du dich einmal nicht kontrollieren konntest. Entschuldige dich ehrlich bei den Menschen, die von deinen Gefühlsausbrüchen betroffen sind und sage Ihnen, dass du an dir arbeitest. Kultiviere dein Verständnis für die Menschen um dich herum und für dich selbst.

Wenn du wütend wirst und andere durch Worte oder Taten verletzt, rede dir nicht ein, es sei „nicht so schlimm“ oder derjenige, den du vielleicht verletzt hast sei „selbst Schuld“. Als du ein Kind warst, musstest du passiv ertragen, was dir an Verletzungen zugefügt worden ist. Du warst Opfer. Lasse dich nicht dazu verleiten, dieses Rollenmodell umzudrehen und Täter zu werden. Gibst du diesem Impuls nach, wirst du den Schmerz, den du in dir trägst, an andere weitergeben. Durchbrich diesen Teufelskreis und trage stattdessen mehr Glück und Liebe in die Welt.

Nimm dir vor, das nächste Mal besser zu reagieren, wenn deine Emotionen die Überhand gewinnen. Im Notfall entziehe dich der Situation und verlasse den Raum, bevor du etwas sagst oder tust, was du bereuen könntest. Mach einen Code mit deinem Partner oder Kindern aus und sage: „Ich gehe jetzt, weil ich mich bemühe.“

Damit meinst du, dass du dich bemühst, besser zu reagieren als bisher. Bitte deine Familie um Geduld und Verständnis. Gib offen zu, dass du weißt, dass dein Problem in dir selbst liegt. Gib die Verantwortung nicht an deine Liebsten ab. Stelle dich deinem Schmerz.

Praktiziere Mitgefühl.

Ich traf an einem Kontemplationswochenende einmal einen Sozialarbeiter, der über Ausgebranntheit klagte. Er sagte, er könne kein Mitgefühl mehr für die Odachlosen, Alkoholkranken und Drogensüchtigen aufbringen, die er als Streetworker betreute. Deshalb nahm er an diesem Wochenende teil. Er wollte sein Mitgefühl wieder finden.

Er erzählte, dass er über viele Jahre einen obdachlosen Mann betreut hatte, mit dem sich eine Art Freundschaft entwickelt hatte. Eines Tages ließ der Sozialarbeiter den Obdachlosen kurz allein in seinem Büro um Kopien für einen Antrag zu machen. Später am Tag bemerkte er, dass der Mann ihm einen wertvollen Kugelschreiber gestohlen hatte, der auf seinem Schreibtisch gelegen hatte.

Dieser Kugelschreiber war ein Geschenk seiner Frau und oft Thema gemeinsamer Gespräche gewesen. Er hing sehr daran. Der Sozialarbeiter war von diesem Tag an nicht mehr in der Lage, diesen oder andere Obdachlose ohne innere Ablehnung zu betreuuen. Die Enttäuschung über den Verrat einer Person, in die er so viel investiert hatte, saß tief.

Er bekam von unserem Zen-Lehrer folgenden Rat: „Übe dein Mitgefühl und Verständnis. Lass die Verletztheit deines Egos beiseite. Der Mann hat durch diese Handlung nicht dich verletzt, sondern sich selbst. Er hat sich selbst bestraft. Seine eigene seelische Unausgeglichenheit hat dazu geführt, dass er überhaupt erst hilfsbedürftig wurde. Jetzt hat es dazu geführt, dass er auch noch einen Freund verloren hat. Du allerdings hast nur einen Kugelschreiber verloren. Lass dich in deinem inneren Gleichgewicht nicht von dem Fehlverhalten anderer stören. Es ist nicht dein Fehler, sondern seiner. Lass den Betrug bei ihm. Ich gebe dir den Rat: Schenke dem Mann den Kugelschreiber. Setze dich hin und sage dir, du hast ihn dem Obdachlosen nachträglich und freundschaftlich zum Geschenk gemacht. Dann wirst du dich besser fühlen.“

Ich war sprachlos von dieser Sicht der Dinge. Ich weiß nicht, ob der Tipp dem Sozialarbeiter am Ende half, aber ich habe nie vergessen, wie sehr die eigene Einstellung den Schmerz über erlittenes Unrecht verändern kann.

Sei wie der Sozialarbeiter und mache dir klar, dass das Unrecht, dass dir geschehen ist, nichts mit dir zu tun hat. Es war das seelische Unvermögen deiner Eltern, die sie zu grausamen Handlungen oder Vernachlässigungen dir gegenüber verleitet haben. Du musst diese Taten nicht für gut heißen und auch nicht entschuldigen. Aber für dich selbst solltest du deine Eltern mitfühlend betrachten und ihnen nachträglich vergeben. Mache deinen Frieden damit. Lasse es hinter dir.

 

Ein Beitrag von Isabella Hof

 

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